Buch

Hier ein kleiner Ausschnitt aus meiner bald anstehenden Buchveröffentlichung:

 

Warum ich meinen Job mag? Weil ich frei bin. Ich kann gehen, wann ich will, wohin ich will, mit wem ich will. Und ich kann machen, was ich will.

Hört sich komisch an, wenn eine Hure das sagt? Sind das nicht die Frauen, die für Geld alles machen müssen? Die es mit jedem tun und zwar genau so, wie der Kunde es will? Bestimmt nicht der Freier über Ort und Zeit und alles, was passiert?

Man spricht ja nicht gern darüber, aber der sicherste Weg zu einer richtig schönen Seitenstrang-Angina ist immer noch ein deepthroat. Deepthroat habe ich nicht auf meiner Service-Liste. Auch das unterscheidet mich von den verzweifelten Frauen, die wirklich jeden nehmen müssen und denen die eigene Entscheidung abgesprochen wird.

Ob ich dadurch Kunden verliere? Natürlich. Aber die brauche ich nicht und will ich auch nicht haben. Meine Serviceliste ist vielleicht um zwei, drei Punkte kürzer, aber immerhin: Ich habe eine. Eine sauber geschriebene, die ich mit hundert Prozent Überzeugung an meine jeweilige Tür hänge. Direkt neben mein Foto-Plakat. Dann schließe ich die Tür meines Zimmers. Und komme erstmal an.

Meine Zimmer sind wirklich meine Zimmer. Nicht für eine halbe Stunde gemietet, das liegt mir nicht. Ich richte mich ein für ein paar Tage. Und lebe dort.

Vielleicht hat man Gedanken im Kopf von armen Frauen, die an ihrem Arbeitsplatz schlafen müssen. So ist es bei mir nicht. Ich empfange Gäste in meinem Zuhause auf Zeit. Ich habe eine Tür, an der kann man läuten. Und dann sehe ich, wer davor steht und wir plaudern erstmal ein paar Takte. Und die, die sich das nicht trauen, die dürfen gerne weiter gehen.

Keine Sorge, ich mache gern auf, wenn wer läutet. Und wenn es passt zwischen einem Kunden und mir, dann bitte ich den Herrn sehr gern herein. Es ist eine schöne Sache so. Es macht das Ganze gleich freundlicher. Zu wissen: Du bist mir willkommen, komm rein und dann schauen wir, was passiert.

Meine Serviceliste ist ein Anfang, gibt dir vielleicht auch die Worte, das Gespräch zu beginnen. Da brauchst du nicht viel erklären und kannst dir sicher sein: Das alles hier ist möglich zwischen dir und mir.

Ganz ehrlich, egal, was wir vereinbart haben und egal, was genau ich mit dir mache und du mit mir machen darfst: Wichtiger ist, wie ich es mache und wie ich bin, wenn du es mit mir machst. Das ist das ganze Geheimnis der guten Huren. Zu wissen, wer man ist und was man will, auf beiden Seiten. Und meist wird´s gut, wenn die Chemie stimmt.

An diesem Nachmittag, von dem ich gleich erzählen werde, hatte ich gerade meine Pause beendet. Ja, ich mach Pause, wie jeder normale Mensch auch. Ich lüfte den Raum, ich beziehe das Bett frisch und dann koche ich mir einen Kaffee mit ein bisschen Zimt und Zucker, schau ein wenig, was im Internet passiert ist und was ich abends noch zum Essen haben möchte, liege gemütlich lesend auf meinem Bett herum und hab es gut mit mir. Ich brauch das und ich mag das. Mein Hund lässt sich das gern gefallen, mit dem habe ich vorher schon eine Gassirunde gedreht und dann freut auch er sich, wenn wir wieder drin sind und er dösig auf seinem Platz liegen darf.

Es war also Nachmittag, so gegen vier. Das ist eine gute Zeit, da machen manche mal ein bisschen früher Schluss im Büro und nutzen die Zeit, um sich vor dem Heimkommen noch ein bisschen etwas zur Entspannung zu suchen.

Das Laufhaus, in dem ich zu Gast war, liegt im Ländlichen, ist aber über die Schnellstraße gut angebunden. Es ist eines der besseren, schaut eher aus wie ein Hotel und hat eine schicke Atmosphäre, weil der Chef einen Hang zum modernen Design hat und eine Abneigung gegen zu viel Plüsch.

Mein Lieblingszimmer dort ist ganz in schwarz und rot eingerichtet, aber dadurch, dass es nicht so vollgestellt ist, hat es nichts Aggressives, sondern lädt dazu ein, Ideen zu bekommen. Ich trank meinen Kaffee aus, spülte die Tasse ab und sah, dass mein Hund zufrieden im Schlaf vor sich hin brummelte. Ihn interessiert mein Job nicht, es ist noch kein einziges Mal vorgekommen, dass er sich irgendwie bemerkbar gemacht hätte. Den meisten Kunden fällt er erst beim Gehen auf, wenn er anfängt zu gähnen. „Da ist ja ein Hund! War der die ganze Zeit da?“ – „Ja“, sag ich dann, „aber keine Sorge, er ist ein alter Herr, sieht schlecht, hört kaum noch und verrät nichts weiter“

Ich drehte also mein Schild an der Tür wieder auf „Willkommen“ und kramte dann noch ein bisschen in meinem Zimmer herum, tauschte die Teelichter in der Lampe aus, als es läutete.

Es ist auch für mich, auch nach so vielen Jahren im Milieu, immer noch eine kleine Aufregung dabei, wenn es läutet. Denn: der da draußen, der will was von mir. Der hat sich mein Foto angeschaut und es scheint ihm gefallen zu haben. Der hat sich meine Serviceliste durchgelesen zu haben und irgendwas davon gefällt ihm wohl. Aber was weiß ich von ihm? Erstmal gar nichts und das finde ich immer noch sehr spannend.

Ich bin nicht sehr groß, ein bisschen über 1,60 und auch ein ziemliches Leichtgewicht mit meinen gut 50 Kilo, aber: ich kann eine ziemliche Erscheinung sein, sagen die Leute. Was Rockiges hab ich, durch die Tattos und was Zartes auch, wegen der langen dunklen Haare und wenn ich wen anschau, dann geht mein Blick den meisten ganz durch und durch, so kann ich schauen.

Jetzt war es aber an mir, zu schauen. Der Kerl vor der Tür, der ließ sich mit einem Blick gar nicht fassen. Einer von den Großen war er, dunkel und kräftig und wie er da stand, da war er um nichts verlegen, das sah ich gleich.

„Grüß Dich“, sagte er, „Bei dir ist frei, ja?“

„Schaut so aus, ja“, sagte ich, „Magst reinkommen?“

Und dann musste ich schon lachen, weil es nett war mit ihm. Weil ich merkte, der sagt die Sätze auch nicht zum ersten Mal. Und gleichzeitig war es auch irgendwie so, als wär es doch anders.

„Kommt halt drauf an“, sagte er

„Worauf denn?“, wollte ich wissen und mein Lächeln kam ganz von selbst, denn dieser Kerl gefiel mir durchaus für den Nachmittag.

„Naja, du hast den Deepthroat auf deiner Liste vergessen und da dachte ich mir, ich sag dir das mal lieber…“

Man kann das so sagen oder so. Normalerweise ist bei mir da schon Schluss. Ich diskutier nicht über meinen Service. Aus Erfahrung bringt es immer nur Ärger für mich und Unzufriedenheit für den Kunden. Aber so wie er es sagte, war es sehr charmant. Was nichts an meinem Angebot änderte, aber es gab ja noch mehr zur Auswahl. Mal sehen, ob ich ihm davon etwas schmackhaft machen könnte…

„Deepthroat, ja? Und wenn ich dir jetzt verrate, dass du bei mir schon im Himmel bist, bevor du auch nur eine Ahnung hast, wo meine Kehle endet?“

Er lächelte. Hatte er auch schon gehört, den Hurenspruch, aber irgendwas hielt auch ihn an meiner Tür. Er sah ganz und gar nicht aus, als wollte er wieder gehen.

„Bist du dir da sicher, ja?“

„Schon“, sagte ich und hielt die Tür gerade so in meiner Hand, als könnte ich sie jederzeit schließen.

„Na dann“, sagte er, „Dann wäre es ja ein Jammer, wenn ich den Himmel heut verpassen würde, oder?“
„Musst du halt wissen…“, sagte ich, „Kannst ja auch schauen, was bei den anderen los ist…“

„Ich glaub, ich tät gern bleiben, was meinst?“

„Das glaub ich schon auch, dass das eine Idee wär“, sagte ich und machte die Tür weiter auf.

Und so kam er rein, der ganze große Kerl. Und verhielt sich ganz überaus normal, als wäre das wirklich eine Privatwohnung, wo man die Schuhe auszieht und dann erstmal die Jacke aufhängt und ein bisschen freundlich ist mit der Gastgeberin.

Das Geschäftliche hatten wir schnell geregelt, halbe Stunde ist immer eine gute Basis und wenn´s fünf Minuten drüber ist, sag ich auch nichts. Sind die besten Kunden dann, wenn sie merken, die Uhr läuft zwar, aber man darf sie gern vergessen für die Zeit.